Pfadfindergeschichte – Weimarer Republik bis 1945

Weimarer Republik (1919-1933)

Auf den Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschlands am 9.11.1918 war seine Jugend nicht vorbereitet. Insbesondere die Pfadfinder sahen sich durch die politische Umwälzung urplötzlich vor eine gänzlich neue Situation gestellt.

Im Juli 1919 trafen sich auf Schloss Prunn im Altmühltal ca.200 Pfadfinderführer aus allen deutschen Gauen zum „1. Deutschen Pfadfindertag“ um einen Neuanfang zu wagen.

Die Reformer – voran Franz Ludwig Habbel und Martin Voelkel  rissen die Initiative an sich, fanden aber für ihre Forderungen keine Mehrheit in der Versammlung.

Die bislang mühsam bewahrte Einheit der deutschen Pfadfinderbewegung zerbrach endgültig, als die Reformer sich im ‚Naumburger Bund‘ eine eigene Organisation gaben.

Der Bund deutscher Neupfadfinder – Initiator des ‚bündischen Pfadfindens‘

Habbel und Voelkel wurden aus dem DPB ausgeschlossen und gründeten im Januar 1921  den Bund deutscher Neupfadfinder. Und sie brachten in der Tat Neues: Habbel führte die Lilie, als  d a s  Pfadfinderzeichen in Deutschland ein. Er entwickelte das zeitlos gültige Sippensystem und auf diesem aufbauend die neuen Organisationsstrukturen Sippe, Trupp, Wölflingsmeute, Stamm, Gau, Landesmark und den Bund).

Nicht nur die deutschen Pfadfinder, sondern die deutsche Jugend insgesamt hatte kein Verhältnis zur Weimarer Republik und die Weimarer Republik wiederum keines zur Jugend gefunden!

Eine neue Ära begann im DPB 1924 unter dem  Bundesführer Wilhelm Fabricius. Unter seiner zielbewussten Führung wurde der DPB wieder zum größten und wichtigsten deutschen Pfadfinderbund.

Die „Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands“ (CPD)

Die CPD beunruhigte die fortschreitende wirtschaftliche, soziale und religiöse Not breiter Volksschichten. CPDer gingen deshalb in die Berliner Arbeiterviertel, in den Wedding, sie gingen in die Arbeiterviertel im Ruhrgebiet und in Oberschlesien. Ihre einfache Tracht war das graue Hemd, das blaue Halstuch und als Abzeichen das schlichte Pfadfinderkreuz.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass 1927 von 200.000 Jugendlichen jeder fünfte kein eigenes Bett hatte, jeder neunte in einer übervölkerten Wohnung, d.h. mit bis zu 10 Personen in einem Raum zusammenlebte, und allein in Berlin in jenem Jahr 1.070 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren starben, davon 40% an Tuberkulose.

In der Endphase der Weimarer Republik entsteht die katholische  „Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg“ (DPSG)

Der katholische Klerus hat vor Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts der Pfadfinder­bewegung in Deutschland keinerlei Beachtung geschenkt. Begünstigt durch Erlebnisse und Begegnungen auf Auslandsfahrten und Lagern nistete sich der Pfadfinderbazillus schließlich auch in neu entstandenen katholischen Jugendgruppen ein. Im Sommer 1928 gab es ein erstes gemeinsames Lager in Oberschlesien auf dem die „Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg“ (DPSG) ausgerufen wurde.

Anfang 1933 zählte die DPSG bereits ca. 9.000 Mitgliedern.

Der 30. Januar 1933 und das Ende der deutschen Jugendbewegung

Der 30. Januar 1933 hat alles verändert. Im April 1933 schlossen sich der DPB, die Ringgemeinschaft deutscher Pfadfinder und viele weitere Bünde zum „Großdeutschen Bund“ zusammen, in der Hoffnung im Rahmen der HJ weiterbestehen zu können.  Anfang Juni strömten 15.000 ihrer Mitglieder auf dem ersten und zugleich letzten Bundeslager der „Großdeutschen“ bei Munsterlager in der Lüneburger Heide zusammen. Man wollte demonstrieren, dass man rein zahlenmäßig mit der HJ unbedingt mithalten konnte. Aber einen Tag nach Eröffnung des Lagers erschienen Polizei, bewaffnete SA und bewaffnete HJ. Diese lösten  das Lager auf. Baldur v. Schirach, der „Jugendführer des Deutschen Reiches“ verbot den „Großdeutschen Bund“ und alle seine Untergliederungen. Vier Tage später folgte das Verbot aller anderen freien Jugendverbände.

Nur die konfessionellen Jugendorganisationen – darunter die CPD und die DPSG – waren von Schirachs Verboten zunächst noch nicht betroffen.

Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 schützte vorerst auch die DPSG, die 1933 ihre geplanten Sommerlager durchzuführen vermochte. Im April 1935 zählte die DPSG ca. 16.000 Mitgliedern.

Auch der CPD haben die kirchlichen Bindungen zunächst das Überleben im NS-Staat ermöglicht.

Der Kampf um ihre jungen Pfadfinder war für die CPD verloren, als Reichsbischof Ludwig Müller seine evangelische Kirche und ihre Jugend verriet, indem er im November 1933 mit Schirach einen Staatsvertrag schloss, der auch die CPD  zwang, ihre unter 18 Jahre alten Mitglieder ab März 1934 in die HJ und ihre Untergliederungen zu überstellen.

Eine beachtliche Minderheit aus allen Bünden und sozialen Schichten hat sich dem NS-Regime und seiner Staatsjugend aus den unterschiedlichsten Gründen verweigert. Sie hat sich in den 12 Verbotsjahren immer wieder an verschwiegenen Orten getroffen, hat Lager durchgeführt, illegale Treffen besucht oder auch selbst arrangiert.

Einige Pfadfinderführer landeten in Konzentrationslagern. Nur ganz wenige fanden den Weg in den aktiven Widerstand und arbeiteten im Untergrund gegen das NS-Regime.

Alexander Lion überlebte die NS-Zeit nur unter erschwerten Bedingungen: Anfang 1935 hatte er erstmals eine Hausdurchsuchung hinzunehmen und Verhöre durch Polizei und Gestapo durchzustehen.

Als Lion aufgrund einer Denunziation im Sommer 1942 von einem SA-Kommando gelyncht werden sollte, rettete ihm der Bürgermeister von Kolbermoor, bei Rosenheim, das Leben indem er ihn warnen ließ.

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